Filmausschnitte "Im Sog der Nacht"

Kommentar von Regisseur Markus Welter

Mit IM SOG DER NACHT habe ich ein Thriller-Drama realisieren wollen, in dem die drei Protagonisten Roger, Chris und Lisa und deren Emotionen, Gefühle, Träume und Hoffnungen klar im Vordergrund stehen. Einen tiefen Einblick in die Machtverhältnisse und den Zerfall der Gruppe wollte ich zeichnen, und nicht durch Gewalt und Brutalität von der sensiblen Handlung ablenken.

Die Euphorie nach dem geglückten, simplen Plan, eine Bank zu überfallen, und der gelungenen Flucht erlischt blitzartig mit der Nachricht über den Tod der Frau des Bankdirektors. Angst, Hoffnungslosigkeit und Selbstzweifel sind urplötzlich wieder präsent. Die Drei werden von der Realität eingeholt. Der Traum vom einfachen Geld und Freiheit hat sich somit in einen Alptraum verwandelt. Ein Alptraum, der sie mehr und mehr in den Abgrund zieht: In den SOG DER NACHT. Ein SOG, der wie ein Tunnel wirkt, wie ein schwerer Stein, den man in einen See wirft und eine Luftblase hinter sich herzieht.

Der dramaturgisch packende Teil des Filmes ist jedoch der schleichende Konflikt zwischen Chris und Roger. Ein Kampf, in dem sich Roger vom illusionslosen Versager zum verantwortungsbewussten Anführer wandelt, Chris hingegen vom glamourösen Anführer zum emotionslosen Mörder. Getrieben durch die aufkeimende Liebe zu Lisa entwickelt Roger ein Verantwortungsbewusstsein und stellt sich nach und nach gegen Chris. Nicht nur die Vorherrschaft in der Gruppe, sondern auch die Liebe zu Lisa geben der ganzen Auseinandersetzung einen unberechenbaren Drall. Langsam beginnt sich in Lisa eine Abneigung zu Chris aufzubauen, und ein stetiger Abnabelungsprozess beginnt. "Die Heldenfigur" Chris wird Stück für Stück von Lisa und Roger demontiert und entzaubert.

Natürlich spielt die Gewalt in dem Film eine große Rolle, aber mehr als Auslöser für die Folgen, mit denen unsere Protagonisten dann fertig werden müssen. Im Vergleich zum Originalroman von Fredrik Skagen beleuchten wir im Film nur noch zwei Gewalttaten. Im Interesse einer stringenteren Erzählung haben wir das Drehbuch auf einen Teil der Geschichte reduziert, damit mehr Raum und Zeit für die emotionale Seite der Geschichte geschaffen werden kann.

Wenn man an den Abgrund des Lebens gedrängt wird und nur noch "schwarz" sieht, begeht man Handlungen, die man sich selbst nicht erklären kann. Die Wege, die man im Leben geht ohne einen Plan zu haben, Wege, die uns an Orte und Plätze führen, die außerhalb der Grenzen eines bürgerlichen Lebenshorizontes liegen. Doch wie findet man wieder zurück in die "normale" Welt, hinaus aus dem Strudel, hinaus aus dem SOG DER NACHT? All diese Themen haben mich während eines Lebensabschnittes sehr stark beschäftigt - ich kenne "Schwarz" nur allzu gut. Es ist ein Gefühl, das wir wohl alle irgendwo in uns tragen und doch immer verborgen halten.

Roger, Lisa und Chris begeben sich auf eine Reise ins "Schwarz", sie verfallen diesem SOG, der lebensbedrohend und zugleich befreiend und auch beflügelnd wirkt. Sie erliegen der Versuchung, der Frage: Warum nehmen wir "es" uns nicht einfach?
Im Zeitalter von Globalisierung, Rationalisierungen und Leistungsdruck werden täglich Menschen an den Abgrund des Lebens gezwängt. Längst sind nicht nur die immer gleichen Gesellschaftsschichten davon betroffen, auch Akademiker, Banker, Ärzte und Ingenieure gehören heute zu den Verlierern der Gesellschaft. Sie müssen sich von ihren Träumen verabschieden und einen erbitterten Überlebenskampf beginnen, der meistens in Illusionslosigkeit und Enttäuschungen endet. Dies ist die rationale Erklärung für das Handeln von Roger, Chris und Lisa. Alle drei, insbesondere aber Chris, sind bereit, den Kampf aufzunehmen und geraten dabei in den SOG DER NACHT.


Markus Welter, im Januar 2009